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Naturnahe Weidewirtschaft als wichtiger Beitrag zur Agrarwende

Presseinformation des Bundesamts für Naturschutz und der Universität Lüneburg (18.4.2001)

Zukunftsträchtige Wege zur Bewahrung der biologischen Vielfalt in der Kulturlandschaft standen im Mittelpunkt einer internationalen Tagung, die das Bundesamt für Naturschutz in Zusammenarbeit mit der Universität Lüneburg veranstaltete. Vor dem Hintergrund zunehmender Verluste wertvoller Lebensräume in der Kulturlandschaft und der immer lauter werdenden Forderungen nach einer Wende in der Agrarpolitik der EU waren über 130 Naturschutzexperten aus 12 europäischen Ländern zusammengekommen, um über die Bedeutung großräumiger extensiver Beweidungssysteme in diesem Zusammenhang zu diskutieren. Im Verlauf des dreitägigen Workshops wurde auf die wichtige Rolle verwiesen, die großen Pflanzenfressern für den Erhalt der Artenvielfalt nicht nur im Offenland, sondern auch in bewaldeten Lebensräumen zukommt. Solche Weidesysteme stellen vermutlich die Nutzungssysteme dar, die die größte Ähnlichkeit mit natürlichen Ökosystemen aufweisen. Der Grund dafür ist, dass es sich bei den Weidetieren (Pferde, Rinder) um Arten handelt, die noch sehr nahe mit ihren ausgestorbenen Vorfahren (Tarpan, Auerochse) verwandt sind. Vor allem alte robuste Haustierrassen (z.B. Konik-Pferde, New-Forest Ponys, Highland Rinder) zeigen bei entsprechender Haltung noch weitgehend natürliche Verhaltensweisen. Auch ist davon auszugehen, dass vom Menschen unberührte Urwälder mit ihrer Vielfalt an großen Pflanzenfressern einen offeneren Charakter als heutige (Wirtschafts-)Wälder aufgewiesen haben.

Erfahrungen insbesondere aus den Niederlanden und England machen deutlich, dass die Schaffung halboffener Weidelandschaften eine erfolgversprechende Strategie des Naturschutzes zum langfristigen Erhalt der biologischen Vielfalt in Europa bilden kann.

Die Experten waren sich weiterhin darüber hinaus einig, dass solche Beweidungssysteme auch einen wichtigen Beitrag zur notwendigen Agrarwende in der EU leisten können. Hierzu bedarf es jedoch entscheidender Veränderungen in Land- und Forstwirtschaft. Besonders im Hinblick auf die Agenda 2007 erscheint eine Änderung der EU-Agrarpolitik dringend geboten. Im Gegensatz zur derzeitigen Förderpraxis, die bestimmte Handlungen oder Unterlassungen honoriert, sind ergebnisorientierte Konzepte für die Landwirtschaft notwendig. Land- und Forstwirtschaft sollten in Zukunft ein wirtschaftlich begründetes Eigeninteresse an Zielen des Natur- und Umweltschutzes haben. In die neu zu gestaltende Förderpolitik müssen auch großflächige Extensivweidesysteme mit einbezogen werden. Besonders unter dem Aspekt der EU-Erweiterung nach Osteuropa ist eine landschaftszerstörende Intensivnutzung mit Überschussproduktion nicht mehr zeitgemäß. Gefragt sind dagegen hochwertige landwirtschaftliche Produkte, für die der Verbraucher dann auch bereit sein muss, einen vernünftigen Preis zu zahlen. Dazu muss u.a. die Subventionspraxis so verändert werden, dass Massentierhaltungen nicht weiter einseitig begünstigt werden.

Das Auftreten der Maul- und Klauenseuche unterstreicht noch einmal die Notwendigkeit einer nachhaltigen Wende in der Agrarpolitik. Solche Seuchen gefährden aber nicht nur Nutztiere in Intensivhaltung, sondern vor allem auch extensive Haltungsformen der Landwirtschaft oder innerhalb von Naturschutzvorhaben. Das bedeutet, dass die veterinärmedizinischen Bestimmungen in Europa dringend reformiert werden müssen.

In diesem Zusammenhang sprachen sich die Teilnehmer einmütig für die sofortige Einführung von flächendeckenden Impfungen von Nutztieren gegen die häufigsten Tierseuchen wie Maul- und Klauenseuche und Schweinepest aus. Hiervon würden dann auch die wildlebenden Huftiere in Europa, wie Rot-, Reh- und Schwarzwild profitieren.

Im Verlauf des Workshop wurde von den Experten darauf hingewiesen, dass halboffene Weidelandschaften auch einen hohen landschaftsästetischen Wert haben und sich somit auch neue Möglichkeiten zur Schaffung von Naturerlebnisräumen und der Förderung des regionalen Tourismus ergeben. Die im Rahmen der Tagung vorgestellte erste Erfahrungen mit zwei Entwicklungs- und Erprobungsvorhaben des Bundesamtes für Naturschutz und eine Reihe erfolgreicher Beispiele aus den Niederlanden, Belgien, England, Dänemark und Schweden unterstrichen dies eindrucksvoll.

Zur Schaffung solcher Beweidungssysteme sind jedoch neben den notwendigen Reformen und Anpassungen in der Agrarpolitik der EU auch konzentrierte Anstrengungen in der Öffentlichkeitsarbeit und neue Formen der Kooperation notwendig. Die Teilnehmer konnten sich davon überzeugen, dass vor allem solche Vorhaben besonders erfolgreich sind, bei denen Naturschutzverwaltungen bzw. -verbände eng und vertrauensvoll mit der Land- und Forstwirtschaft, dem Tourismus und der lokalen Bevölkerung kooperieren.

Außerdem sollte der Erfahrungsaustausch auch auf internationaler Ebene weiter intensiviert werden. In diesem Zusammenhang wurde die Initiative des Bundessamtes für Naturschutz zur Ausrichtung der internationalen Tagung besonders gewürdigt.